Nicht das Team ist das Problem - Du bist Teil davon!

nicht Das Team ist das problem – du bist teil davon

Letzte Woche stand ich im Treppenhaus eines mittelständischen Unternehmens. Eine Führungskraft zog mich zur Seite und sagte: „Pass auf, was du mit meinen Leuten machst. Ich habe hier 60 Menschen, für die ich verantwortlich bin.“

Dieser eine Satz verriet mir mehr über das Unternehmen als jedes Organigramm. Dieser Mensch war nicht für 60 Leute zuständig. Er war für 10 zuständig, die wiederum für weitere 8 verantwortlich waren. Aber er definierte sich über die Zahl. Über das Image. Über die Kontrolle.

Das ist kein Einzelfall.

Was ich sehe, wenn andere wegschauen

Wenn ich in ein Unternehmen komme, nehme ich Dinge wahr, die andere übersehen. Ich sehe, wie sich Menschen anschauen, wenn jemand spricht. Ich beobachte ihre Körperhaltung, wenn sie aufeinander zugehen. Ich höre die Witze, die sie machen. Die Bemerkungen, die nebenbei fallen.

Diese Signale zwischen den Zeilen erzählen die wahre Geschichte.

In den meisten Unternehmen herrscht eine Kultur der Selbstschutz-Reflexe. Menschen geben möglichst wenig preis. Sie haben Angst, in die Pfanne gehauen zu werden. Sie fürchten, Verantwortung für etwas tragen zu müssen, das sie nicht verantworten wollen. Sie spüren, dass Mehrleistung am Ende nicht bezahlt wird. Sie erleben, wie Einzelne als Sündenbock herhalten müssen, während andere sich verstecken.

Was alle übersehen haben: Jeder hat eine eigene Verantwortung. Es geht nicht darum, Einzelne als Schutzschild zu nehmen. Es geht darum, als Team die Situation zu tragen, aus Fehlern zu lernen und sie zu vermeiden.

Die Frage ist nicht: „Wer ist schuld?“ Die Frage ist: „Was brauchst du, um diese Aufgabe zu erfüllen? Wie kann ich dir helfen?“

Der Unternehmer ist oft selbst die Ursache

Wenn ich mit Unternehmern über ihr Team spreche, glauben sie typischerweise, dass das Team das Problem ist. Die verstehen mich nicht. Die ziehen nicht mit. Die sind nicht engagiert genug.

Die Wahrheit ist härter: Oft ist der Unternehmer selbst die Ursache.

Das Team gibt eine Reaktion auf das, was der Unternehmer vorlebt. Das Team hat gelernt, wie es sich verhalten muss mit dieser Führungskraft. Die Kultur der Angst, der Kontrolle, des Misstrauens – sie kommt von oben.

Der Moment, in dem echte Arbeit beginnen kann, ist der Moment, in dem ein Unternehmer sagt: „Ich bin Teil des Problems.“

Bis dahin ist alles nur Symptombehandlung.

Wenn die Vision im operativen Sog verschwindet

Die meisten Unternehmer haben ihre ursprüngliche Vision verloren. Nicht weil sie faul geworden sind. Nicht weil sie sich nicht mehr kümmern. Sondern weil das operative Geschäft sie verschluckt hat.

Ich erkenne das, bevor sie es selbst merken.

Sie sprechen von Zielen. Von kurzfristigen Zielen. Es geht um etwas zu erreichen mit Druck und Ergebnistreue für den Moment. Was fehlt, ist die Weitsicht. Der Horizont. Die ursprüngliche Intention.

Am Anfang stand eine Vision. Ein Bild davon, was das Unternehmen sein sollte. Wo es in fünf, in zehn Jahren stehen würde. Später entwickelte sich das in ein operativ geprägtes Reagieren. Der gestaltende Aspekt ging verloren.

Meine Aufgabe ist es, diesen gestaltenden Aspekt zurückzuholen.

Die Reise zurück zum Anfang

Der erste Schritt ist, den Unternehmer aus dem operativen Geschäft herauszunehmen. Wir organisieren Menschen und Prozesse neu. Wir legen Verantwortlichkeiten fest. Wir schaffen Raum.

Dann beginnt die eigentliche Reise.

Ich frage: Als du dein Unternehmen gegründet hast, woran hast du da gedacht? Was war dein Ziel? Wo wolltest du in fünf Jahren sein, in zehn Jahren? Und ist dieses Bild zu dem, wo du heute stehst, abweichend?

Es geht um die Werte, die ihn wirklich ausmachen. Es geht um seine Ziele, einschließlich der ganz privaten. Um die Wünsche und Bedürfnisse der Freunde und Familie. Diese Reise ist vielschichtig. Sie berührt Ebenen, die viele Berater ausblenden würden.

Aber genau hier liegt die ursprüngliche Intention. Der Plan, der am Anfang stand. Die Vision, bevor sie im Alltag unterging.

Warum „Vision kommunizieren“ der falsche Ansatz ist

Die meisten würden jetzt sagen: „Okay, dann lass uns deine Vision wieder auffrischen und sie dem Team kommunizieren.“

Das ist der Fehler, den ich selbst gemacht habe.

Wenn es um die individuelle Vision des Unternehmers geht, gibt er im Grunde nur eine Vorgabe, was zu tun ist. Das Team wird zum Ausführungsorgan. Zur Verlängerung seines Willens. Das funktioniert nicht.

Viel entscheidender ist herauszufinden: Wen haben wir bereits an Bord?

Was für Erfahrungen bringen diese Menschen mit? Was für Wünsche? Was für Prägungen? Was für Werte? Was für Fähigkeiten haben sie im Einzelnen? Und wie können wir diese neu miteinander verbinden?

Der Unternehmer darf seine Version dazulegen. Aber es ist ein Puzzlespiel. Wir fügen die Dinge zusammen. Wir finden heraus, an welchen Schnittstellen welches Teil wie hineinpasst. Am Ende entsteht ein Mosaik – eine gemeinsame Vision.

Keine Ich-Vision. Eine Wir-Vision.

Was in den Interviews passiert

Ich führe Interviews mit den Mitarbeitern. Parallel führe ich ein Interview mit dem Unternehmer. Dann gibt es Events, wo wir diese Dinge zusammenführen.

In den Mitarbeiter-Interviews frage ich:

Warum genau bist du hier? Wieso hast du nicht bei einem Nachbarunternehmen angefangen, das im Grunde dasselbe macht? Was hält dich hier? Was hast du für persönliche Ziele? Und inwieweit ist diese Arbeit hier dafür zuträglich, diese Ziele zu erreichen?

Diese Fragen decken auf, was der Unternehmer nicht weiß. Sie zeigen die verborgenen Motivationen. Die unausgesprochenen Bedürfnisse. Die Gründe, warum Menschen bleiben oder innerlich schon gegangen sind.

Der Moment der Wahrheit

Dann kommt der Moment, wo Unternehmer und Team zusammenkommen. Wo sie zum ersten Mal wirklich hören, was der andere will.

Ich erinnere mich an ein Beispiel aus der Praxis.

Eine Kollegin wandte sich an einen Mitarbeiter und sagte: „Lieber Kollege XY, ich habe Angst vor dir. Und wenn du nur ab und zu mal Danke sagen würdest oder vielleicht auch mal Bitte, dann würde ich viel lieber in dein Büro kommen und viel lieber mit dir zusammenarbeiten.“

Kollege XY schaute, als hätte er gerade ein UFO gesehen.

Er verstand nicht, um was es ging. Dann gingen plötzlich alle Lampen an. Er erkannte, dass er eine Rolle spielte, die er gar nicht übernehmen musste. Er verstand, dass Führung nicht das ist, was er bisher dachte. Er konnte eine neue Rolle einnehmen und der sein, der er eigentlich ist.

Kollege XY wurde nicht zum Gegenspieler, den alle anderen im Interview erwähnt hatten. Er wurde zum bedeutenden Mitglied im Team.

Was danach passiert

Diese Veränderung hat eine Außenwirkung.

Projekte werden auch in schwierigen wirtschaftlichen Zeiten zum versprochenen Zeitpunkt mit dem vereinbarten Budget abgeschlossen. Das spricht sich herum. Andere kommen genau zu diesem Unternehmen und wünschen dort ihr Projekt umzusetzen.

Es geht ehrlicher um Preise. Um Transparenz. Die Arbeit wird für alle erleichter.

Subunternehmer, die vorher für andere Auftragsgeber zu ganz anderen Preisen gearbeitet haben, erklären sich bereit, hier mitzuwirken – zu einem deutlich geringeren Preis. Mitarbeiter von anderen Unternehmen kommen mit geringeren Forderungen und weniger Vorteilen, aber mit einer Freude, endlich hier anfangen zu dürfen.

Der Unternehmer schafft eine Infrastruktur, um diesen Menschen die Möglichkeit zu geben, mitzuwirken. Das Unternehmen wächst auf natürliche Weise, aber in einer Geschwindigkeit, die vorher keiner gesehen hat.

Der Unterschied zwischen Kontrolle und Verantwortung

Zurück zu der Führungskraft im Treppenhaus. Der Unterschied zwischen jemandem, der Kontrolle behalten will, und jemandem, der tatsächlich Verantwortung trägt, ist fundamental.

Wer wirklich Verantwortung trägt, dem ist das Team und der Mensch am Herzen. Dem ist seine eigene Wirkung bedeutsam. Der will wissen, wie es den Menschen geht. Er will nicht seine Position sichern – das ist letztlich Machtlosigkeit.

Wer Verantwortung trägt, weiß, dass ihm diese niemand nehmen möchte. Er weiß, dass er daran wachsen kann, indem er anderen Raum gibt, sich zu entfalten.

Mit dieser Führungskraft musste ich ganz woanders ansetzen. Einen langen Atem haben. Ihm helfen, neu zu denken. Seinen Mangel an Selbstliebe, Selbstvertrauen, Wertschätzung und Anerkennung decken, bevor wir etwas verändern konnten.

Der Mangel war ein Versagen in Sachen Selbstliebe, Selbstvertrauen, Wertschätzung und Anerkennung. Ein Mensch, der sich über die Anzahl der anderen definiert, für die er verantwortlich ist. Der es an der Zahl und am Image festmacht.

Dieser Mensch darf verstehen, dass er wertvoll ist, weil er ist. Dass ein anderer auch wertvoll ist, weil er ist. Es hat nichts mit Position und Titel zu tun. Es hat vielmehr mit einem Menschen zu tun, der als Gesamtpaket wirkt und in einem System eine Wirkung erzeugt, die nur dieser Mensch an dieser Stelle erzeugen kann.

Was zwischen den Momenten liegt

Zwischen dem Moment, wo ein Unternehmer glaubt „Mein Team versteht mich nicht“, und dem Moment, wo er sagt „Ich bin Teil des Problems“, muss Vertrauen wachsen.

Er muss verstehen: Die sind nicht gegen mich. Ich bin nicht besser als die. Die helfen mir. Die sind da, um uns ans Ziel zu bringen. Und ich bin da, um ihnen alles zu geben, was sie brauchen, um ihren Job richtig, gut und sinnvoll zu erfüllen.

Das ist keine schnelle Erkenntnis. Es ist ein Prozess. Aber es ist der einzige Weg, der wirklich funktioniert.

Dein Team braucht nicht deine Vision. Es braucht eine gemeinsame Vision. Eine, die jeder für sich übersetzen kann. Eine, zu der jeder Ja sagen kann – nicht nur als Angestellter, sondern als Mensch.

Wenn du das schaffst, entsteht etwas, das kein Marketing der Welt erzeugen kann: eine echte Employer Brand. Eine Kultur, in der Menschen nicht arbeiten, weil sie müssen, sondern weil sie wollen.

Weil es ihr Projekt ist. Weil es ihre Vision ist. Weil es um uns geht, nicht um dich.

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Tobias Ruge

Einem Leader, der das verstanden hat ist alles möglich!

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Über den Author

Ich bin Tobias Ruge, 1974 geboren, glücklich verheiratet und Vater von zwei wunderbaren Kindern.

Erprobt und ausgebildet zum Trainer in der Erwachsenenarbeit (TÜV-geprüft), ein systemischer Privat und Business Coach (EduQua-zertifiziert).

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